XII. Psychoonkologie in der gynäkologischen Onkologie

 

Kapitelverantwortlich und Autor: Harald Mori

1. PSYCHOONKOLOGIE ALLGEMEIN

  • Psychoonkologie [PSO] beschäftigt sich mit der Frage, wie sich eine lebensbedrohliche Krankheit auf die Psyche auswirkt.1 Die Aufgaben der Psychoonkologie sind vielfältig. Die Patientinnen sollen beim Prozess der Krankheitsbewältigung Unterstützung in seelisch-psychischer und existenzieller Hinsicht erfahren.
  • Durch psychologische und psychotherapeutische (ggf. psychiatrische) Interventionen, die für die Situation der krebskranken Frau personalisiert werden, können gute Voraussetzungen für einen möglichst günstigen Krankheitsverlauf geschaffen werden.
  • Für die psychoonkologische Arbeit ist eine gute Kommunikation mit dem gesamten Team der BehandlerInnen und BetreuerInnen von großer Bedeutung. Medizin, Pflege, Psychologie, Psychotherapie, Sozialarbeit und psychiatrisches Konsil sind gleichwertig bedeutsame Faktoren im Heilungsverlauf.
  • Erfahrungsgemäß ist eine klare und aussagekräftige Sprache für die Einbeziehung der Patientin [und ihrer Bezugspersonen] in das Behandlungsgeschehen für Coping und Adherence [Compliance] und für das Entwickeln von Eigeninitiative notwendig.
  • Aus psychoonkologischer Sicht ist es für eine gute Prognose immens wichtig, die Herangehensweise der Patientinnen an die Krankheit bzw. deren Bewältigung im Auge zu behalten und fachkundig zu unterstützen.2

1.1. Indikationen für eine psychoonkologische Betreuung3

  • Grundsätzlich soll immer ein behutsames Angebot für Psychoonkologie gemacht werden!
  • Länger anhaltende depressive Symptome
  • Belastende Angstsymptome (auch Angst vor Sterben und Tod).
  • Patientinnen mit Suizidgedanken
  • Schwer beherrschbare Schmerzen
  • Wut, Aggressionen, Verbitterung, Demoralisierung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Sinnverlust
  • Konflikte mit Familie/Behandlungsteam
  • Fragen zu der wegen Krebs veränderten Sexualität (in gynäkologischer Onkologie immer indiziert).
  • Psychiatrische Anamnese oder erkennbare Persönlichkeitsstörungen
  • Soziale Problemsituationen
  • Zweifel an der Behandlung, unbefriedigende Kommunikation mit dem Behandlungsteam (aus Sicht der Patientin bzw. des Teams).

1.2. Wirkung psychoonkologischer Interventionen

  • Die Psychoonkologie bewirkt für viele Patientinnen einen gewissen Erhalt bzw. eine Steigerung der Lebensqualität [QOL] während des Krankheitsgeschehens. Sie wirkt auch begünstigend in der Nachsorge. Compliance und Zufriedenheit mit der Behandlung werden verbessert, Fatigue und erlebte Hilflosigkeit werden reduziert.3
  • Auswirkungen der Psychoonkologie auf die Überlebenszeit sind zurzeit nicht nachgewiesen. Die Psyche scheint allenfalls über den Umweg des Gesundheitsverhaltens das Krebsgeschehen beeinflussen zu können: der Lebensstil psychisch belasteter Menschen schwächt das Immunsystem.4 Überzeugende Hinweise auf eine „Krebspersönlichkeit“ gibt es nicht.

1.3. Ziele der psychoonkologischen Betreuung

  • Grundsätzlich geht es bei der Bewältigung der Krebserkrankung darum, eine Balance zwischen dem Drängen nach Abwehr und Kampf gegen den Krebs einerseits und dem Wunsch nach Gesundung und Akzeptanz der Situation andererseits zu finden.2 In der Salutogenese wird Wert darauf gelegt, dass die Patientin ihre Situation verstehen kann, dass sie trotz der Erkrankung ein sinnvolles Leben führen kann und dass sie nicht Opfer, sondern Gestalterin, Mitbestimmerin über ihren Behandlungsverlauf sein kann.5, 6
  • Patientinnen und Angehörige sollen die psychischen und körperlichen Belastungen gut verarbeiten. Krebspatientinnen haben Anspruch auf Beachtung des seelischen Wohlbefindens während Diagnostik, Therapie und Nachsorge.
  • Ressourcen und Resilienz werden gefördert.
  • Primäres Ziel: gute Lebensqualität trotz Krebs7
  • Der Zusammenhang zwischen Immunlage, Affektlage und Sinnorientierung (Motivation) weist deutlich auf den positiven Einfluss der Seele [Geist, Psyche] auf den Gesundungsprozess hin.6
  • Eine Psychotherapie (PSO), die Negativfaktoren minimiert und Positivfaktoren stärkt, verfügt über das Potenzial, das Wohlbefinden im Allgemeinen zu erhöhen und die Immunaktivität zu beeinflussen.8